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Was sagt die Schrift über die Rückkehr der 10 Stämme Israels?

Autor: Liede, Friedrich | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Heilsgeschichte, Israel

(Vortrag auf der Israel-Konferenz 1980 der Bibelkonferenzstätte Langensteinbacherhöhe)

Liebe Brüder, liebe Schwestern, liebe Freunde!

“Was sagt die Schrift über die Rückkehr der 10 Stämme Israels” ist unser Thema. Unsere Konferenz steht ja unter der Gesamtüberschrift “Israel und die Gemeinde”. Mein heutiges Thema gehört in dieses Gesamtthema hinein, denn die 10 Stämme machen ja einen Großteil, ja den größten Teil Israels aus.

Bei der Beantwortung dieser Frage halten wir uns streng an die Aussagen der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes. Dabei sind wir uns dessen bewußt, daß das, was die Schrift sagt, im Gegensatz steht zu dem, was die historische und die theologische Wissenschaft in der Literatur und auf den Lehrstühlen der Universitäten verkündet (von Ausnahmen, besonders in der englisch sprechenden Welt, abgesehen). Nach der Meinung unserer heutigen Wissenschaft sollen die 10 Nordstämme in der Zeit nach ihrer assyrischen Gefangenschaft endgültig verschwunden, d. h. in anderen Völkern aufgegangen sein, so daß also eine Rückkehr in das Licht der Geschichte und in das Land Israel zur Wiedervereinigung mit den 2 Südstämmen Juda und Benjamin unmöglich sei. Dabei ist es merkwürdig und sehr verwunderlich, daß sogar jüdische Gelehrte und Rabbiner der Wissenschaft recht geben und ein Wiedererscheinen der 10 Stimme für unmöglich halten. Sie treffen sich darin mit unserer liberalen Theologie. Auch das “Lexikon des Judentums” (1. Auflage 1967) schreibt: “Die 10 Stämme, seit der assyrischen Gefangenschaft verschollen, sind Gegenstand der Sage und messianischen Erwartung.” Damit werden auch die Aussagen der Schrift, d. h. der Bibel der Juden, als Sage bezeichnet und die messianische Erwartung in Zweifel gezogen. Das ist ein Beispiel dafür, wie sogar Juden, sonst gläubige Juden, den Glauben an ihre heiligen Schriften verleugnen.

Wir bibelgläubigen Christen haben geradezu die Verpflichtung, Juden und Christen an das zu erinnern, was die Schrift sagt über die herrlichen messianischen Zukunftsverheißungen für ganz Israel, einschließlich der 10 Stämme, und die völlige Wiederherstellung und Sammlung aller 12 Stämme im Lande Israel.

Gegenüber dem Unglauben der Wissenschaft, auch der jüdischen, können wir nun in unserem bibelgläubigen Lager wieder eine andere Auffassung, ein anderes Extrem feststellen, die sogenannte Zehn-Stämme-Lehre. Ich bekam erst in den letzten Tagen wieder ein Buch in die Hand (P. Stocker, “Die getrennten Reiche”, 1979), in dem u. a. ausgeführt wurde, die weißen Völker seien die Israeliten der 10 Stämme, und die auf ihren Herrn wartende Gemeinde bestehe in ihrer großen Mehrheit aus Israeliten dieser 10 Stämme. — Diese Auffassung ist vor allem in England zu Hause; sie leitet sich ab von der sogenannten Britisch-Israel-Bewegung, die auch meint, daß das englische Volk eines der 10 Stämme sei, nämlich Ephraim, und die nach Amerika eingewanderten Europäer würden vor allen Dingen den Stamm Manasse darstellen.

Geschwister, ich möchte hierzu jetzt nicht viel sagen; mir liegt auch nicht daran, diese Auffassung herabzusetzen; diese Konzeption ist immerhin mit großem Ernst von England her übernommen worden. Wir haben uns in unserem kleinen prophetischen Kreis vor 2-3 Jahren mit Brüdern, die diese Auffassung vertreten, zusammengesetzt und uns stundenlang mit diesem Thema aufgrund der Schrift befaßt. Wir haben uns Mühe gegeben, einander zu verstehen, sind aufeinander eingegangen und haben tatsächlich ein Verständnis gewonnen, warum diese Brüder glauben, aus der Schrift den Beweis für ihre Auffassung liefern zu können. Im Ergebnis allerdings haben sie uns nicht überzeugen können. Ich selbst habe schon früher ein Buch eines Bruders, das diese Zehn-Stämme-Lehre zu beweisen sucht (W. J. Pasedag, “Christus und Israel”, 1. Aufl. 1964), von dem ich zunächst sehr begeistert war, Punkt für Punkt durchgearbeitet und sämtliche angeführten Schriftstellen nachgeschlagen; dabei entdeckte ich zu meiner großen Überraschung, daß viele Stellen, die der liebe Bruder zum Beweis anführt, manipuliert und aus dem Zusammenhang gerissen sind; so wurde in sie der Sinn hineingelegt, der erforderlich ist, damit die vorgefaßte Auffassung stimmt.

Die Frage ist: Was sagt nun wirklich die Schrift darüber? Dies soll uns nun heute abend beschäftigen.

Wir rufen aus der Geschichte Israels allen, die in der Schrift nicht genügend bewandert sind, folgendes in die Erinnerung zurück:

Die Geschichte des Volkes Israel erreichte mit den Königen Saul, David und Salomo ihren Höhepunkt. Schon das Königtum Sauls bedeutete die Vereinigung der 12 Stämme unter der starken Hand eines Königs. David besiegte die äußeren Feinde Israels und führte mit der Einnahme der Jebusiterfestung Jerusalem die Eroberung des Landes zur Vollendung. Salomo baute den Tempel und führte durch seine Friedensherrschaft Land und Volk zu Wohlstand und kultureller Blüte und verschaffte Israel Respekt und Wertschätzung bei allen Mächten der damaligen Welt, auch bei den damaligen Großmächten Ägypten, Assyrien und Babylonien (um 1000 v. Chr.).

Doch mit Salomo begann auch schon der Niedergang. Mit seinen vielen Frauen bahnte er dem Götzendienst der heidnischen Umwelt und dem Abfall vom Gott Israels den Weg. Das Strafgericht Gottes bestand in der Teilung des Landes, indem unter dem Nachfolger Salomos, Rehabeam, die 10 Nordstämme von der Vorherrschaft des Stammes Juda abfielen und einen eigenen König wählten, den Jerobeam, und Samaria anstelle von Jerusalem zur Hauptstadt machten. Damit führten die Nordstämme, meist in Eifersucht und Streit mit dem Südreich, ihr eigenes Leben und hatten von nun an ihre eigene Geschichte. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung besuchte noch den Tempel und die Feste in Jerusalem. Für die Masse der Nordstämme wurden in Dan und Bethel eigene Heiligtümer errichtet, die mit dem Gott Israels nichts mehr zu tun hatten. Die Angleichung an das Heidentum und damit an die Vielgötterei und den Götzendienst wurde immer vollständiger. Sabbat und Beschneidung und Gesetz wurden völlig beiseitegeschoben. Darum strafte Gott das Nordreich mit der Unterwerfung unter die Assyrer und der Wegführung des Volkes in die Gefangenschaft. Dies geschah im Jahr 722 v. Chr. und entsprach der damaligen Sitte, ein unterlegenes Volk entweder auf den Sklavenmärkten zu verkaufen oder im eigenen Herrschaftsbereich anzusiedeln.

Im 2. Königebuch, Kap. 17, 6 heißt es: “Im neunten Jahre Hoseas nahm der König von Assyrien Samaria ein und führte Israel (das ist hier also der Name für das Nordreich) nach Assyrien hinweg; und er ließ sie wohnen in Halach und am Habor, dem Strome Gosans (einem Nebenfluß des Euphrat), und in den Städten Mediens.”

Mit der Aufgabe von Glaube und Gesetz der Väter erfolgte eine starke Vermischung mit den Einwohnern Assyriens und eine immer größere Anpassung an das Heidentum. Doch damit war der Untergang der 10 Stämme nicht verbunden! Das Bewußtsein ihrer weiteren Existenz war bei allen Propheten, die nach der Zweiteilung des Landes Israel auftraten, auch noch Jahrhunderte nach der assyrischen Gefangenschaft, lebendig, auch noch zur Zeit Jesu und der Apostel und noch bis in die späteren Jahrhunderte hinein. Darauf werden wir noch zurückkommen.

Aber auch das Südreich verlor durch die babylonische Gefangenschaft seine Selbständigkeit, bis der Perserkönig Kores (oder Cyrus) den Juden die Rückkehr zum Wiederaufbau des Tempels befahl. Damals erfolgte auch, zusammen mit dem zurückkehrenden Teil der Südstämme, die Rückkehr eines Teiles der Nordstämme ins Land der Väter. Damit haben wir von nun an Reste der Nordstämme im Südreich drinnen!

Die übrigen der 10 Stämme verblieben entweder in den Hochgebirgstälern des ehemaligen Assyriens, mehr oder weniger verborgen, oder sie benutzten die Wirren in den Kämpfen der damaligen Weltmächte zur Auswanderung und zerstreuten sich fast über die ganze Erde. Das ist unleugbare geschichtliche Tatsache, und das sagt auch — wie ich nachher noch zeigen werde — die Schrift. Auch sie wurden in ihrer Zerstreuung wie die Südstämme weithin einfach als “Juden” bezeichnet.

Doch die Wegführung der Südstämme hatte einen anderen Charakter und damit auch andere geschichtliche Folgen als die der Nordstämme. Denn die Juden waren seit ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft vom Rückfall in heidnische Vielgötterei geheilt. Das war der Erfolg, der Gewinn der babylonischen Gefangenschaft. Während die Nordstämme gerade durch ihr Wirtsvolk, die Assyrer, tiefer in das Heidentum versunken sind, kehrten die Südstämme, abgeschreckt durch das, was sie gesehen hatten, wieder zum Gott ihrer Väter zurück. Das mosaische Gesetz erfuhr durch Esra eine Neubelebung. Jedoch — nun kommt das andere Extrem — die neue Frömmigkeit nahm immer mehr die erstarrte Form eines zwar buchstäblich getreuen, aber formellen Ritualismus an. Wir denken hier vor allem an die Pharisäer! Ihnen kam es darauf an, buchstäblich jede einzelne Forderung des Gesetzes zu erfüllen, in großer Ehrfurcht vor Gottes Gesetz, aber immer mehr im Formellen erstarrt.

Auch bei ihrer Vertreibung aus Israel durch die Römer in den Jahren 70 und 135 haben die Juden ihren mosaischen Glauben ins Exil mitgenommen, sei es, bei einer Minderheit, echt gläubig im Herzen, oder nur oberflächlich bei der Masse. Dadurch bewahrten die Juden vor allen anderen Völkern ihre Besonderheit. Auch die hebräische Sprache der Bibel wurde in ihren Gottesdiensten in der Synagoge bis auf den heutigen Tag bewahrt. Auf der einen Seite zwar haben sie sich assimiliert und wollten sein wie alle anderen Völker, auf der anderen Seite aber haben sie ihren Kultus in den Synagogen, die überall errichtet wurden, erhalten. Sie wollten einerseits Deutsche unter Deutschen, Franzosen unter Franzosen sein, andererseits eine eigene Religionsgemeinschaft. Sie haben in ihren Gottesdiensten den Urtext und die Sprache der Bibel in großer Treue bis auf den heutigen Tag bewahrt; aber auf ihre Auserwählung haben fast alle Juden verzichtet. Warum? Ganz gewiß wegen der großen Leiden, die sie um des Auserwähltseins willen immer wieder zu erdulden hatten.

Die Juden also konnte man in der Zerstreuung an ihrem mosaischen Glauben, an ihren Synagogen, an ihrer Beschneidung, am Halten des Sabbats und ihren Speisevorschriften ganz deutlich von den Angehörigen ihrer Wirtsvölker unterscheiden. Dasselbe kann man aber von den Nordstämmen nicht sagen. Sie hatten ja schon vor ihrer Wegführung den mosaischen Glauben abgelegt. Dadurch haben sie sich in der Fremde noch stärker assimiliert als die Juden. Die 10 Stämme glichen sich in der Zerstreuung in Sprache, Gottesverehrung und Sitten ihren Wirtsvölkern an, wenn auch nicht alle in derselben Weise. Reste ihrer ehemaligen israelitischen Gebräuche sind da und dort doch noch aufbewahrt worden.

Weil sie nicht wie die Juden wenigstens ihre religiöse Eigenart bewahrt haben, verwischen sich für die Geschichtsschreibung die Spuren der 10 Nordstämme. Deshalb betrachtet die Wissenschaft die 10 Stämme als endgültig untergegangen oder verschollen und spricht von den “verlorenen Stämmen”. Dem widerspricht aber die Tatsache, daß einige Forscher Englands und Amerikas durch Expeditionen in den Vorderen Orient im vorigen Jahrhundert festgestellt haben, daß im heutigen Kurdistan Reste der ehemaligen Nordstämme Israels in den Hochgebirgstälern ein von der Außenwelt abgeschlossenes und ein von der weiteren Entwicklung der Menschheitsgeschichte unberührtes Dasein führten. Sie nahmen später zum Teil wieder die mosaische Religion an, und zu ihnen kamen wohl auch im 1. Jahrhundert n. Chr. Apostel Jesu, jene Apostel, deren Namen in der Apostelgeschichte nicht genannt werden. (Dort werden ja nur Petrus, Jakobus und Johannes genannt; einige von den anderen neun Aposteln sollen über Kleinasien hinaus nach Asien gereist sein und dort bewußt auch die Reste der 10 Stämme aufgesucht haben; Spuren davon sind in den Traditionen der Völker vorhanden.) Es handelt sich um die unwegsamen Hochgebirgstäler Kurdistans, dort, wo die Türkei, Rußland, Iran und Irak zusammenstoßen und wo sich früher das Assyrische Reich befand. Dort sind also Reste der 10 Stämme gefunden worden, und unter ihnen sind tatsächlich auch christliche Gemeinden entstanden. Auf diese Weise trugen sie zur Entstehung der semitischen Ostkirchen bei. In manchen Familien ist heute noch die Tradition lebendig, daß sie, als Glieder einer christlichen Kirche, von einem der 10 Stämme Israels abstammen. Diese semitischen Ostkirchen dürfen nicht mit den orthodoxen Kirchen Osteuropas verwechselt werden, die auf dem Boden des Oströmischen Reiches entstanden sind; sie befinden sich noch weiter östlich, unter den semitischen Völkern Vorderasiens. Dort entstanden große semitische christliche Kirchen, denen man leider bei uns in Westeuropa nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und die man darum auch zu wenig erforscht und bekanntgemacht hat.

Auch unter den Rückwanderern nach Israel seit 1945 und bei den türkischen Gastarbeitern befinden sich immer auch solche, die ihre Abstammung von den 10 Nordstämmen behaupten.

Was aber die Zukunft der 10 Stämme Israels betrifft, so verkündigt die gesamte Prophetie Alten und Neuen Testamentes ihr Wiedererscheinen am Ende der Tage und sagt ihnen eine vollständige Teilnahme zu an den herrlichen messianischen Verheißungen, die für ganz Israel, für alle 12 Stämme, gelten. Dem wollen wir jetzt im einzelnen nachgehen. Ich zähle dabei die Propheten in ihrer historischen Abfolge auf.

Die frühesten Propheten waren die Propheten Hosea und Amos. Sie lebten um das Jahr 750 v. Chr., also noch vor der assyrischen Gefangenschaft des Nordreiches, und sie lebten auch im Nordreich. Sie sahen und verkündigten die assyrische Gefangenschaft voraus, sie blickten aber auch in eine gnadenreiche Zukunft, die den Nordstämmen noch zuteil werden sollte. Und das ist ein Kennzeichen aller Propheten! Ich habe mir alle Propheten daraufhin angesehen und gefragt: Was ist das Endergebnis, das sie zeigen wollen? Und was ist ihre Methode? — Alle Propheten stimmen darin überein, daß sie zuerst das Volk zur Buße aufrufen, zur Rückkehr zum Gott ihrer Väter, der zwei Bünde mit ihnen geschlossen hat, den Glaubensbund mit Abraham und den Gesetzesbund am Sinai. Und alle Propheten drohen schwere Gerichte an für den Fall, daß das Volk nicht umkehrt; auf diese Weise haben sie die assyrische und die babylonische und auch die römische Gefangenschaft vorausgesagt. Aber sie waren nicht bloß Gerichtsverkündiger, nein, es folgt bei allen Propheten, oft ohne Übergang, die Zusicherung der absoluten Treue des Gottes ihrer Väter. Was Er sich vorgenommen hat mit Seinem Volk, das will Er trotz dem Abfall unbeirrt hinausfahren. Ganz Israel ist und bleibt das auserwählte Volk, das Er ausersehen hat zu einem Werkzeug, um die übrige Menschheit ebenfalls unter die Botmäßigkeit und den Glauben des Gottes Israels und damit des Schöpfers der ganzen Welt zu bringen.

Wie alle Propheten, unterschied auch Hosea genau zwischen dem Nord- und dem Südreich. Das Südreich läuft unter dem Namen “Juda”, das Nordreich unter dem Namen “Israel” oder “Ephraim“. Der Name ISRAEL steht daher einerseits für alle 12 Stämme, im engeren Sinne andererseits aber auch allein für die 10 Nordstämme. Der Zusammenhang zeigt aber immer ohne Zweifel, ob mit ISRAEL das ganze 12­stämmige Volk gemeint ist, oder die 10 Nordstämme allein.

Gott läßt nun den 10 Stämmen durch Hosea zunächst sagen, daß Er sich nicht mehr über sie erbarmen will. Doch dann verheißt Er auch, daß die Zeit der Hurerei und des Götzendienstes vorübergehen soll und Er sich von neuem mit Israel verloben will (Hosea 1-2). Denn die, die in Ungnaden war, die Lo-Ruchama, wird wieder in Gnaden, und die, die “Nicht-mein-Volk” war, Lo-Ammi, wird wieder Sein Volk und Er ihr Gott sein. Weiter sagt Er ihnen (Kap. 1, 11), daß die Kinder Juda und die Kinder Israel (also Südreich und Nordreich, Südstämme und Nordstämme) sich miteinander versammeln und sich ein Haupt setzen und aus dem Lande heraufziehen werden. (Aus welchem Lande, sagt Hosea nicht, wahrscheinlich aus dem Lande des Nordens.) — Weiter sagt er (Kap. 3, 5): Die Kinder Israel werden umkehren und Jehovah, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd wenden zu Jehovah und zu Seiner Güte am Ende der Tage (also erst am Ende der Tage, heute noch nicht). — Der Prophet deutet auch an, woher sie kommen werden (Hosea 11, 10.11 und 13, 14): “Zitternd werden die Kinder herbeieilen vom Meere (d. h. vom Westen); wie Vögel werden sie zitternd herbeieilen aus Ägypten und wie Tauben aus dem Lande Assyrien” (dies hat sich buchstäblich erfüllt, indem viele mit Flugzeugen heimgekehrt sind). Sogar “von der Gewalt des Scheols (des Totenreiches) werde Ich sie erlösen, vom Tode sie befreien”, sagt Hosea, d. h. sie werden durch Auferstehung den Lebenden hinzugefügt.

Auch Amos, der Prophet z. Zt. Jerobeams II., kann fast nur Strafen und Unheil voraussagen und muß doch dem unter alle Nationen zerstreuten und durch Gerichte gesichteten Rest des Hauses Israel die Teilnahme an dem wiederaufgerichteten Königshause David und die Wendung des Gefängnisses des ganzen Volkes und die Rückkehr in das verheißene Land verkündigen (Kap. 9, 8-15).

Jetzt kommen wir zum Propheten Jesaja. Seine Berufung fällt in das Jahr 736, er tritt also etwa 14 Jahre später auf als Hosea. Auch Jesaja weissagt die Wegführung nach Assyrien, aber sein Auge geht ebenfalls in die ferne Zukunft und blickt in das Friedensreich des Messias. In Kap. 11, 11 lesen wir: Und es wird geschehen an jenem Tage (es ist wieder die Endzeit gemeint), da wird der Herr noch zum zweiten Male Seine Hand ausstrecken (nämlich nach Israel), um den Überrest Seines Volkes loszukaufen aus Assyrien (wohin sie doch in Gefangenschaft geführt worden sind; also müssen sie dort noch sein!) und aus Ägypten und aus Pathros (Oberägypten) und aus Äthiopien und aus Elam (in Südpersien) und aus Sinear (Zweistromland, Mesopotamien) und aus Hamath (in Syrien) und aus den Inseln des Meeres (des Mittelmeeres; die Inseln drumherum = Europa). Und der 12. Vers fährt fort: Und Er wird … die Vertriebenen Israels zusammenbringen, und die Zerstreuten Judas wird Er sammeln von den vier Enden der Erde. Gott sammelt also sowohl die vertriebenen, zerstreuten Nordstämme wie auch die Südstämme.

Auch der zweite Teil des Jesajabuches (Kap. 40-66) spricht von allen Stämmen Jakobs, wenn das messianische Zeitalter verkündigt wird (z. B. das herrliche Kap. 49, bes. V. 5-6 u. 9-13!).

Doch nun zum Propheten Jeremia:

Er trat ums Jahr 600 auf und lebte zur Zeit der letzten Könige Judas, als das Südreich Juda vor dem Untergang stand, und verkündigte Juda das Gericht durch die Babylonier. Mehr als 100 Jahre lag bereits der Fall des Nordreiches und die Wegführung durch die Assyrer zurück; trotzdem enthält sein prophetisches Wort auch Aussagen über Israel­Ephraim, über die Nordstämme, indem er einen deutlichen Unterschied zu Juda macht. So werden in Jeremia 3, 11 u. 18 Juda und Israel deutlich unterschieden. In V. 12 ruft der Prophet gegen Norden: “Kehre zurück, du abtrünnige Israel, spricht der Herr; Ich will nicht finster auf euch blicken. Denn Ich bin gütig … Ich werde nicht ewiglich nachtragen.” Und in Jer. 3, 18 lesen wir die erstaunlichen Worte: In jenen Tagen (gemeint ist wieder die Endzeit) wird das Haus Juda mit dem Hause Israel ziehen, und sie werden miteinander aus dem Lande des Nordens in das Land kommen, das Ich euren Vätern zum Erbteil gegeben habe. In Jer. 23, 6 heißt es: In den Tagen des Messias wird Juda gerettet werden, und Israel (Nordstämme) wird sicher wohnen; und dies wird Sein Name sein, mit dem man Ihn nennen wird: Jehovah (oder Jahweh), unsere Gerechtigkeit.

Der Prophet fährt dann fort (23, 7-8): “Darum, siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da man nicht mehr sagen wird: So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israel aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hat!, sondern: So wahr der Herr lebt, der den Samen des Hauses Israel heraufgeführt hat und gebracht hat aus dem Lande des Nordens (Assyrien, vielleicht auch noch Rußland) und aus all den Ländern, wohin Ich sie vertrieben hatte. Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.” Das wird eine so große Wundertat Gottes sein, daß Seine frühere Wundertat — der Auszug aus Ägypten — weit übertroffen sein wird! Wuchtiger und gewaltiger kann man das nicht mehr sagen. Es steht hier also deutlich vor uns: Die 10 Stämme sollen gesammelt werden aus dem Lande des Nordens, wo sie offenbar noch kompakt, gruppenweise, stammesweise, beieinanderwohnen, und aus anderen Ländern, wohin sie, einzelne Familien oder Sippen, vertrieben, zerstreut wurden.

Wir lesen weiter Jeremia 30, 3, wo der Herr verheißt: “Denn siehe, Tage kommen, spricht Jehovah, da Ich die Gefangenschaft meines Volkes Israel und Juda wenden werde, spricht Jehovah; und Ich werde sie in das Land zurückbringen, das Ich ihren Vätern gegeben habe, damit sie es besitzen.” Sie merken vielleicht an solchen Stellen: Die größte Not für die Propheten — und für das ganze Volk — war die, daß sie ihre Freiheit und Selbständigkeit als Nation verloren hatten; und die Wiedergewinnung ihrer nationalen Selbständigkeit ist es vor allem, was die Juden — bis auf den heutigen Tag — unter “Erlösung” verstehen. Und weil Jesus ihnen diese Freiheit bei Seinem ersten Kommen nicht brachte, darum haben sie Ihn abgelehnt, darum mußte Er ans Kreuz gehen, weil sie in ihrem falschen und einseitigen Messiasbild Sein erstes und zweites Kommen nicht unterschieden. Die Wendung der Gefangenschaft und damit die nationale Erlösung ist auch bei der Verkündigung der Propheten die Hauptsache, obwohl das andere nicht fehlt, aber es ist nicht so stark betont wie die nationale Erlösung.

Diese Wendung der Gefangenschaft, von der Jeremia spricht, ist allerdings verbunden mit einer vorhergehenden großen Drangsal (Jer. 30, 7), die aber auch im Bilde von Geburtswehen gesehen wird. Von einem bestimmten Punkte an — nach ihrer Sammlung in Israel wird die große Drangsal (auch die, die jetzt noch kommt) zu den ersten Wehen einer geistigen Wiedergeburt des Volkes Israel führen. Diese besteht

  1. in der Rückkehr zum mosaischen Glauben und zum Glauben Abrahams, und
  2. bei einem Teil von ihnen in der Erkenntnis, daß Jesus, den sie gekreuzigt haben, ihr Messias ist.

Von dieser großen Drangsal und nachfolgender Umkehr und Geistausgießung spricht ausführlich auch der Prophet Sacharja, vor allem in seinem 12. Kapitel, V. 2 und 10-14.

Bitte, lesen Sie im Propheten Jeremia die Kapitel 30 und 31 und beachten Sie, was da über Israel bzw. Ephraim, die 10 Stämme, gesagt wird! Man kann es nur mit tiefbewegtem Herzen lesen. Das Volk der dem Schwerte Entronnenen hat Gnade gefunden in der Wüste, d. h. am Bergungsort (31, 2). Und dann folgt der 3. Vers, den Luther in einmaliger Schönheit und Innigkeit übersetzt hat: “Ich habe dich je und je geliebt, darum habe Ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte!” Dies gilt den 10 Stämmen Israels. Dieses Zu-Gott-Hinziehen wird noch kommen.

Weiter hören wir in Jeremia 31: Siehe, Ich bringe sie (den Überrest Israels) aus dem Lande des Nordens (wo sie offenbar kompakt beieinander wohnen) und sammle sie von dem äußersten Ende der Erde (V. 8). Weiter V. 9: Denn Ich bin Israel (den Nordstämmen) zum Vater geworden, und Ephraim ist mein Erstgeborener. — V. 20: Ist mir Ephraim ein teurer Sohn oder ein Kind der Wonne? Denn sooft Ich auch wider ihn geredet habe, gedenke Ich seiner doch immer wieder. Darum ist mein Innerstes um ihn erregt; Ich will mich gewißlich seiner erbarmen, spricht der Herr. — Wer denkt da nicht an Jesaja 49, wo Jesaja mit fast denselben Worten zu Juda (Zion) spricht? (Jes. 49, 15.16). Und mit ebensolcher Innigkeit spricht nun hier Jeremia zu den Nordstämmen.

Darum ist es auch kein Wunder, daß der neue Bund nicht nur mit Juda, sondern auch mit dem Hause Israel geschlossen wird (Jer. 31, 31-34), ja, Israel wird sogar zuerst genannt. “Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und Ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein … Sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten … Denn Ich werde ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.”

Sind das nicht herzbewegende Verheißungen und Äußerungen einer gewaltigen, unbegreiflichen Liebe? Dem Volk, das von den Propheten so furchtbar getadelt und verurteilt worden ist im Namen Gottes, wird eine solch innige Liebe entgegengebracht.

“In jenen Tagen und zu jener Zeit”, heißt es dann in Jer. 50, 4, “werden die Kinder Israel kommen, sie und die Kinder Juda zusammen; fort und fort weinend, werden sie gehen und Jehovah, ihren Gott, suchen.” Dies gilt zwar nach dem Zusammenhang in erster Linie für die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft; doch damals erfüllte sich dieses Wort nur in sehr schwacher Weise; darum muß die Vollerfüllung, wie immer in solchen Fällen, noch in der Endzeit kommen.

Eigentlich könnte ich hier abschließen; denn es ist das bis jetzt aus der Schrift Gehörte schon so überwältigend, daß wir keines weiteren Zeugnisses mehr bedurften; aber der Prophet Hesekiel setzt mit seiner bildhaften Deutlichkeit noch allem die Krone auf. Man sollte es kaum glauben, daß es ein Volk gibt, dem das alles in einer solchen Fülle verhelfen worden ist, ein Volk, dem das heute noch gilt, das es aber nicht mehr glaubt, ja in der Masse gar nicht mehr darum weiß!

Hesekiel, ein Zeitgenosse des Jeremia, war im Jahre 593 berufen worden. Er wendet sich zwar an Juda; jedoch schließt er genau wie Jeremia in seine Weissagungen Israel, d. h. das ehemalige Nordreich, mit ein.

Lesen Sie einmal das 16. Kapitel dieses Propheten, und Sie werden erschüttert sein. Da werden die Sünden Judas und Jerusalems schlechter beurteilt als die Samarias, der Hauptstadt des Nordreiches. Zur Zeit der assyrischen Gefangenschaft hatte Gott Juda noch verschont, weil dort der Abfall noch nicht so schlimm war — aber Juda hat es nachgeholt., und Jerusalem hat Samaria an Sündhaftigkeit noch übertroffen! Aber, Gott will “die Gefangenschaft Samarias und ihrer Töchter wenden”, und “Samaria und ihre Töchter werden zurückkehren zu ihrem früheren Stande”, und der Herr will Seines Bundes gedenken und einen neuen, ewigen Bund errichten (V. 53.55.60).

Dann kommt in Hesekiel 37, 15-28 das große Bild von der Wiedervereinigung der beiden Häuser Juda und Ephraim, dargestellt an den beiden Stäben oder Hölzern, die der Prophet zusammentun muß. Dort lesen wir: “Siehe, Ich werde die Kinder Israel aus den Nationen herausholen, wohin sie gezogen sind, und Ich werde sie von ringsumher sammeln und sie in ihr Land bringen. Und Ich werde sie zu einer Nation machen im Lande, auf den Bergen Israels, und sie werden allesamt einen König zum König haben, und sie sollen … sich fortan nicht mehr in zwei Königreiche teilen … Und mein Knecht David wird König über sie sein” (V. 21.22.24).

Zu bemerken ist von Sacharja (rd. 500 v. Chr.), daß er in Kap. 9, V. 10 bis 13 die Rückkehr Ephraims erwähnt und (zusammen mit Juda) den Sieg über die Weltmacht Griechenland, verkörpert in Antiochus Epiphanes, dem Vorläufer des letzten Weltdiktators, des “Tieres” in Offb. 13 u. 17. In Kap. 10, 9 heißt es merkwürdigerweise, daß Ephraim — im Gegensatz zu Juda — schon in fernen Landen seines Gottes gedenken und wiederkommen wird aus Ägypten und Assyrien.

Kann man bei solchen Worten noch zweifeln, daß sie in buchstäblicher Weise Wahrheit werden sollen? Soll die menschliche Wissenschaft, menschliches Denken und Forschen, mehr Gewicht und Wahrheitsanspruch besitzen als die in so reichem Maße ausgesprochene göttliche Offenbarung?

Diese prophetischen Aussagen sind mit dem, was die Wissenschaft über die “verlorenen Stämme” behauptet, aber auch mit dem, was die sogen. Zehn-Stämme-Lehre sagt, unvereinbar. Denn Gott kann die Kinder Israel nicht, wie wir gelesen haben, aus den Nationen herausholen, wenn sie selber die Nationen sind!

Soll man bei dem historischen Verschwinden der 10 Stämme annehmen, daß Gottes Wort auf einmal nicht mehr wörtlich zu nehmen sei und Gott sich für das Verlorene Ersatz aus den Nationen holen müsse? Oberflächlich betrachtet, könnte diese Annahme ihre Bestätigung durch den Apostel Paulus finden, etwa in Römer 11, 11-20. Doch gerade in diesem Kapitel bezeugt ja der Apostel Paulus die Wiederherstellung ganz Israels, aller 12 Stämme, durch die künftige Wieder-Einpfropfung aller Zweige Israels (V. 23f.) und durch die Tatsache von V. 26, daß ganz Israel noch errettet wird, wenn aus Zion der Erretter kommt. Paulus spricht auch in seiner Rede vor Agrippa von der Hoffnung des zwölfstämmigen Israels (Apg. 26, 7), und Jakobus wendet sich in seinem Brief an die zwölf Stämme in der Zerstreuung (Jak. 1, 1), natürlich nur, soweit sie an Jesus gläubig geworden sind.

Wir finden außerdem im prophetischen Wort noch zwei namentliche Aufzählungen aller zwölf Stämme Israels: Hesekiel 48, wo die Neuordnung im kommenden Friedensreich geschildert wird, und Offenbarung 7, wonach in der Endzeit aus allen zwölf Stämmen eine Minderheit versiegelt werden wird: 12 mal 12.000 = 144.000. Diese werden namentlich aufgezählt, und es ist merkwürdig, daß trotzdem auch Juden, gelehrte Juden, wie z. B. Schalom Ben-Chorin, meinen: “Das gilt nur bildlich, und damit seid ihr Christen gemeint, und nicht wir!” Aber was für einen Sinn hätte dann die namentliche Aufzählung?! Nein, Gottes Wort ist hier wörtlich zu nehmen.

Übereinstimmend sagen uns also die Propheten Israels und das Neue Testament: Die Reste der 10 Stämme werden wiederkommen. Dies geschieht auf zwei Weisen: Einmal kommen sie aus den Ländern, die Jesaja und die anderen Propheten namentlich aufzählen, und da treten ganz deutlich Assyrien und Ägypten als immer wieder erwähnte Länder hervor. Die übrigen wird Gott aus all den Ländern ihrer Zerstreuung zurückführen.

Nun könnte die Frage gestellt werden: Wie wird denn Gott Seine Verheißungen erfüllen? — Das müssen wir Gottes Geheimnis sein lassen. Wir können das nicht wissen. Er allein weiß die verborgenen Wohnsitze der Überreste, auch wo sie heute noch wohnen. Er kann bei denen, die selber von ihrer Herkunft nichts mehr wissen, alte Traditionen wieder lebendig machen. Er kann aus den unterbewußten Schichten der menschlichen Seele Ahnungen einer Zugehörigkeit zu Israel zu Gewißheiten erwecken. Das kann Er; so etwas gibt es, gibt es heute schon. — Wie dem auch sei, wollen wir der Allmacht Gottes Grenzen setzen und es besser wissen als Sein geoffenbartes Wort der Wahrheit?

Darum freuen wir uns jetzt schon mit Israel und preisen seinen Gott, der auch unser Gott und Vater ist in Jesus Christus, dem Messias Israels und dem Haupt Seiner Gemeinde. Gott sei gelobt und gepriesen! Amen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1981; Paulus-Verlag; Heilbronn)


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